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Dienstag, 30. Dezember 2014

Deutschrap-Rückblick 2014 – Zwischen den Zeilen.



Die 5 besten EPs des Jahres






Im Mai ließ das Ex Mitglied von Optik Russia uns ein Stück von seiner „Schwarzwälder Kirsch“ probieren. Hat gut geschmeckt, Nachschlag gibt es schon 2015 in Form eines Langspielers. Hoffentlich dann mehr von dem düsteren Sound mit melancholisch angehauchtem Thematiken und einem Rapper, der auf der Selbstsuche uns erzählt, was ihn, nicht nur rap-, sondern auch beziehungstechnisch, bewegen kann.







Nachdem schon Anfang des Jahres Zodiak den „guten Eindruck von Magnolia zerstört“ hat und Chakuza mit 1000 kleinen Dingen am Wiederaufbau arbeitet, ist es für RAF Camora noch nicht ganz wieder Zeit, zum Alter-Ego 3.0 zurückzukehren. Für die Fans, die nicht länger auf Neues vom „Lehra“ warten können, gab es zu Weihnachten ein kleines Präsent. Neben dem Thema, wie viel Legende im Österreicher steckt, gibt es auch was über Reichtum und seiner Selbstauffassung zu hören.









Perfekt für den „Sonntagabend“, doch keineswegs leichte Kost. Nanoo beweist zwischen stilechter Reflexion der hiesigen Rapszene und der Selbsterkenntnis über das eigene Anderssein, dass er auch Liebeslieder schreiben kann, ohne jemals eines gekannt zu haben. Liebevoll, verspielt und dennoch kritisch – Alles richtig gemacht in der Retrospektive!






Auch wenn die Jungs „kurz vorm Hit links abgebogen“ sind, reicht es für einen Platz im Ranking. Wie keiner sonst schaffen es OK Kid, clevere Wortspiele mit Sinnhaftigkeit des Daseins zu kopeln und so ein Gesamtbild zu schaffen, was lyrisch fast immer einen doppelten Boden vorweist. Natürlich auch musikalisch grandios von der Band untermalen.






Dissy ist nicht Deutschraps „Pestizid“, sondern sein „böser Zwilling.“ Passender könnte man sich selbst kaum beschreiben, außer vielleicht mit dem Wort „anders“. Denn Dissythekid ist anders. Weit entfernt von Trap-Beats und sinnbefreiten Phrasendreschereien über ein Leben in Saus und Braus dreht das neue Heart-Working-Signing einsam seine Runden zwischen Trashtalk, Battlerap und der Sinnsuche. Wer sich in den Sog aus Maschinengewehrsoundsets, düsteren Melodien und sphärischen Beats ziehen lässt, kommt so schnell nicht mehr heraus. Alles neu, und dennoch besser – Damit kann Dissythekid hier tatsächlich als beste EP des Jahres punkten.






Die besten Zeilen 2014



“Wir leben auf einem blauen Planet, der sich um einen Feuerball dreht, mit ‘nem Mond der die Meere bewegt und du glaubst nicht an Wunder?!“ 
(Marteria – Welt der Wunder)

„Wenn alle Stricke reißen, bleibt die Borderline“ 
(OK Kid - Borderline)

"An einem Ort, an dem jeder Tag dem nächsten gleicht/

hält nur Tag eins für die Ewigkeit/" 
(Ahzumjot – Tag Eins)


"Lauf nur mei'm Herzen nach, seit dem ersten Tag.“ 
(Olson – Mein kleines Hollywood)

„Wenn nichts mehr geht, geh ich weg von hier.“ 
(Curse – Ende)

"Und wenn Fame oder Cash der Grund wär' dafür, dass ich Mucke mach'/

Dann hätt ich's schon vor Jahren eingetauscht für Backen oder Schach/“ 
(Maxat – Kopfaufräum')


„Als wär' ich nur der King dieser Mukke...ICH BIN diese Mukke!“ 
(Kool Savas – Matrix)

„Du bist stolz, wenn dein Song auf der Tanzfläche läuft/

Doch solche Songs definieren meine Toleranzgrenze neu/“
(Karate Andi – Kindergeld)


"Die Freiheitsstatue ist 'ne Hure und ich fick Sie/ 
Blanco pumpt den Beat, ich erschieß diesen Swizz Beatz/“ 
(Haftbefehl – Lass' die Affen aus'm Zoo)

„Meine Bitch kriegt direkt das ganze Schuhregal im Laden/

Und kauf ich mal bei Real ein hol ich Fussball-Stars in Spanien“ 
(Kollegah – Lamborghini Kickdown)



2015.


Eigentlich ist die ganze letzte Rubrik Schwachsinn gewesen. Weil es viel zu viel gab, was einem dieses Jahr im Gedächtnis blieb. So viele brillante Künstler mit Alben, die vielleicht sogar in einer Masse untergingen, die sie nicht verdienten und welche nun auf den so großen Durchbruch hoffen müssen, um für die grandiose Musik endlich wie ein echter Kollegah, Bushido oder Farid entlohnt zu werden. So viele Platten, so viele Zeilen – Nicht alles, was geglänzt hat, war … Naja, ihr wisst schon. Ob es nun einer der zahlreichen Banger war, die Erkenntnis, dass man nicht jährlich 4 Millionen Bars kicken kann, ohne an Qualität einzubüßen, das war alles recht durchwachsen. Und ein wirklich hervorstechendes Album gab es dann ja auch nicht. Kein XOXO, kein Aura, kein Kendrick – Nur Haftbefehl zieht einsam Kreise am Rap-Himmel.
Das war dann auch schon wieder reichlich Text für 2014, also dafür, dass die Überschrift hier eigentlich das nächste Jahr betitelt. Was erwartet einen denn da? Im gewohnten Selfmade-Rhythmus darf man auf Platten von Favorite, Genetikk und Karate Andi gespannt sein, Prinz Porno feiert sein Comeback im Januar, die FvN-Gang zelebriert mit Vega die Rückkehr und ein Mädels ist mit E W A auch endlich da – Vieles, auf was man sich freuen kann. Und noch mehr, was man verachten kann. Ebenfalls länger wird die Liste der Künstler, deren Alben nun endlich mal auftauchen. Ob da nun VBT-Urgesteine wie Pimf, Mio Mao oder Lance Butters auf der Liste stehen oder Deutschraps Abiturient Fabian Römer, der doch nun auch seit Ewigkeiten im Studio hängt und an einem potenziellen Meisterwerk sitzen sollte. Deutschrap bleibt spannend. Kommt doch mit und schaut, was euch erwartet.
So. Und das hier ist aus der Idee geworden, mal ein Top 10 zum Schluss des Jahres zu machen. Der produktivste Monat des Jahres auf diesem Blog mit 4 Kolumnen in 4 Wochen. Ist immer noch relativ wenig... Ich gelobe auch 2015 keine Besserung, wirklich! Und wer das bis hier hin liest, muss sowieso mein größter Fan und Liebhaber sein (kann sich dementsprechend auch gern via Twitter/Facebook zu erkennen geben).

In diesem Sinne: Schönes Jahr 2015. Reißt ab, was euch zerreißt. Leben, Life, Hayat. Und Tschö.




Dienstag, 23. Dezember 2014

Die 15 besten Deutschrap-Alben 2014 (Platz 5 – 1)

Wenn man die 15 besten Deutschrap-Alben küren möchte, kommt man nicht nur an einer Hand voll Künstler so überhaupt nicht vorbei, man muss dazu auch noch einiges anhören. Denn Deutschrap war so häufig wie nie in den Charts – Und das liegt eventuell daran, dass so viel wie seit Jahren nicht in die Läden kam. Verdammt viele zweitklassige Straßenalben, Möchtergernpoesie-Platten und Battlerap-Klassiker mit Streicheleinheiten liegen hinter uns. Aber eben auch Highlight über Highlight. Auf dem Podium treffen wir Uns mit dem zukünftigen, erstem Rap-Toten, der vermutlich durch einen Schuss ins Herz stirbt. 


Platz 5: Curse – Uns


2. Oktober 2012. Ich stehe nichtsahnend in Reihe vier eines Konzerts, dessen Hauptattraktion eigentlich so gar nichts mit „Uns“ zu tun hat – Aber zum zehnjährigen Bühnenjubiläum von Fabian Römer gratulierte eben auch Michael Kurth. Ein Mann, der mir in dieser Sekunde nichts, aber wirklich gar nichts, sagte. Und dann bietet genau dieser Michael Kurth die besten drei Minuten einer grandiosen Show, als er das Publikum fragte, was denn jetzt sei – Jetzt? Jetzt war ich Fan. Nur Tage später einmal durch die ganze Mediathek geklickt und schon war ich nicht nur um 10 Rap-Gebote klüger, sondern auch um die Erkenntnis, dass, als dieser Curse sich seine „Freiheit“ im Jahr 2008 nahm, ein grandioser Künstler Deutschrap vorerst verließ. Zum Glück holt er 2014 nicht nur sein „Herz zurück“ und bereitet dem Ende ein „Ende“, denn so berührend, offen und nahbar präsentiert sich in diesem Jahr kein anderer Künstler. Curse is back – Und wie. Mit knallenden Drumsets, starken Piano-Klängen und einem generell mehr als authenthischen Soundteppich der Beatgees bewegt sich der Mindener lyrisch so ansprechend wie genial auch auf „Uns“ immer noch und liefert mit einer Zeile die eventuelle Hymne einer ganzen tristen Jugend- und Landleben-Generation: „Wenn nichts mehr geht, geh ich weg von hier.“ Kurz, prägnant, richtig. Es sind eben immer noch die kleinen Zeilen, die Großes im Deutschrap bewegen – Wenn man es so sehen will, ist „Uns“ der erste Riese in der Top 10 des Jahres 2014.


Platz 4: Marteria – Zum Glück in die Zukunft 2


Zum Glück in die Zukunft ist nicht nur das Motto eines jeden, klassischen Silvester- und Neujahreids, sondern hat auch im Musikbusiness eine große Nachfolge anzutreten. Schließlich war der zweite Teil um Marty McFly der beste aus der Trilogie, und so hat das Marten Laciny gefälligst auch zu inszenieren! Und genau das ist „ZGIDZ II“. Großartig inszeniert. Das beginnt schon beim gefühlvoll souligen 50er-Jahre Intro, geht weiter über Hitsingles bis hin zu Saufhymnen, wo „der Knopf, auf dem Selbstzerstörung steht“ auf tote Hosen trifft. Wer das kombiniert, schafft es auch, einen Track gemeinsam mit seinem Alter Ego Marsimoto live zu performen – Trotz Stimmenwechsel. Das dritte Soloalbum des Rostockers ist mit Sicherheit nicht das absolute Meisterwerk geworden, was man sich davon versprach, doch allein durch die grandiose Untermalung der Krauts ist das Album auf jeder Top-10-Liste seinen Platz wert. Und natürlich nimmt auch Marteria der Platte nichts. Ob das nun mit der Hooligan-Hymne und den dazu gehörenden brennenden Bengalos zu tun hat oder doch mit dem epochalen Abgang einer Zukunft, die hoffentlich wieder an eine Welt voller Wunder glaubt, sei mal dahin gestellt. Doch wer behauptet, Marteria hätte enttäuscht, weiß schlichtweg nicht die Brillanz einer durch und durch ausproduzierten und lyrisch vielleicht nicht perfekten, aber dennoch inspirierenden Platte zu schätzen. Jetzt hoffen wir mal, dass Teil 3 nicht so kacke wie der Film wird.


Platz 3: Olson – Ballonherz


Vom eigens inszenierten Hollywood zum besten Moment des Films, mitten in Paris spielend. Wie man Ende August merken durfte, klingt so der Beginn eines absolut perfekten Albums. Und das trotz aller negativen Vorzeichen. Der kleine Rudeboy aus dem Jahr 2008, der ganz plötzlich seinen Labeldeal beim Major unterschreibt und plötzlich Pop-Schnulzen trällert. Aber mit wie viel Talent, Begeisterung und Detailliebe man das machen kann – Das konnte man auch erst beim fünften Durchgang von „James Dean“ zu Beginn der Promophase erahnen. Ballonherz ist kein Album, welches man einmal hört und weiß, wie unfassbar gut das produziert wirkt. Ballonherz wird von Mal zu Mal stärker. Aus der eigentlich homogen wirkenden Masse von Pop-Balladen, welche die Beatgees für den ehemaligen Rudeboy komponiert haben, hört man vorerst nämlich nur Bekanntes heraus, was ungleich ein wenig jugendlicher in 1er Jordan-Verpackung ankommt anstatt in auf dem Bolzplatz ausgelatschten FILA-Schuhen. Beim zweiten Mal hört man plötzlich das zeternde Echo in der Hook von „Mein kleines Hollywood“ oder „James Dean“, die sanfte, unfassbar angenehme Frauenstimme im Background der „Fernweh I“ -Bridge und und und. Und so wird aus Ballonherz nicht weniger als das Anti-XOXO einer Generation, die eine „Chanel aus deiner Liebeskind“ macht, anstatt ihr Monument auf Selbstmitleid zu bauen. So unterschiedlich, und dennoch so gleich. Olsons Rechnung geht auf, sein Ballonherz steigt. Und steigt. Und steigt.


Platz 2: Kool Savas – Märtyrer


Denn ihr habt lang genug gewartet … Ja, das haben wir. Wie immer. Doch, wie auch 2014 noch immer gilt, enttäuscht der King of Rap nicht auf Albumlänge. Nach der Epos-Platte „Aura“, dicht gefolgt von Pop-Ausflügen mit gespaltener Persönlichkeit, wovon die eine Hälfte aus nerviger Gesangsstimme besteht, widmet sich Kool Savas auf „Märtyrer“ endlich wieder der Thronverteidigung – Und was lehrte uns schon „Game of Thrones“ in den letzten Jahren, wie das geht? Richtig, alle möglichen Titelaspiranten umbringen. Und wenn einer das so schön kann wie Kool Savas, dann soll er sich doch bitte zeigen, denn auch jetzt findet, nach 20 Jahren, findet sich keiner, der da das Wasser reichen könnte. Denn ohne eine einzige Mutter, Freundin oder sonstwen ins Spiel zu bringen, deklassiert er jeden MC, der „allein auf dem Thron herrschen“ will. Einwandfrei nicht nur in Tracks wie „Zweifel und Bestätigung“ dargestellt, sondern auch auf „Es rappelt im Karton“, in der er zeigt, wer im Deutschrap wirklich keinen Refrain braucht, um zu überzeugen. „Märtyrer“ ist keine Platte für den Tumblr-Blog, um ihn mit pseudo-tiefschürfendem Material zu füllen. „Märtyrer“ ist keine Platte, die sonderlich anspruchsvoll daher kommt. „Märtyrer“ ist Battlerap in seiner reinsten Form, einer Kampfform – Und keiner beherrscht sie so gut wie Savas.


Platz 1: Haftbefehl – Russisch Roulette


Als Mitte des Jahres die Frage, wer Bock auf Russisch Roulette hat, im Raum stand, konnte noch keiner ahnen, was da auf uns zukommt. Denn Haftbefehl hat endlich das erkannt, was viele ihm schon seit Jahren sagen – Es ist ja ganz nett, all seine Kumpanen auf Tracks zu verewigen, aber die sind leider alle nicht so talentiert wie er selbst und ziehen alles runter. So lässt er die Affen erst auf einer extra-angefertigten BABO-Edition aus dem Zoo und lässt sein Album das sein, was es sein soll – ein Soloprojekt. Und was für eins. Haftbefehl hat kein Straßenrap-Album gemacht. Er hat DAS Straßenrap-Album gemacht. Der letzte, der Geschichten so realitätsnah, bitter und wahrheitsgetreu herüber brachte, rappte damals noch von seinem Reich vom ersten bis zum 16. Stock. Aber Aykut Anhan ist anders. Er ist dunkler, rougher – Besser. Was der Frankfurter auf Albumlänge zeigt, beschreibt kein „Hurensohn“, kein „Babo“, kein sonstiges Trendwort, was auch dem Rapper kein unbenutzbarer Begriff ist – Es beschreibt die Realität. Und zwar so nah, so greifbar und stark, wie man sie als Mittelschichtsbürger vielleicht nie kennenlernen konnte oder wollte. Dass er all das nicht einmal aussagen müsste, weil er mit einer dermaßen großen Energie ans Werk geht wie es kein anderer kann, ist ihm wohl auch selbst bewusst. Wenn er von Benny Blanco dann auch noch mit knallenden Drumsets und rauschenden Synthies unterlegt wird, dann kommt da eben spontan auch mal das Album des Jahres heraus. „Alles kleine Bushidos, so war die Lage bevor er kam“ - Und plötzlich hat es ja jeder gewusst, dieser Haftbefehl rappt gut. Na dann. Lassen wir das mal so stehen und vergessen etwaige Blogger und die Millionen Dislikes auf allen YouTube-Kanälen für den Azzlack, der hoffentlich, entgegen all seiner Tracks, uns noch lange erhalten bleibt. Aykut Anhan hat es geschafft. Der Babo hat seine 1, auch hier – Wenn schon nicht in den Charts. Fick diesen ACDC und schmeiß den Gasherd an stattdessen!  



Die Plätze 15 –  11: HIER KLICKEN. 
Die Plätz 10  –  6: HIER KLICKEN
Am 30.12.2014 werden die besten EPs und Punchlines gekürt, inklusive eines Blicks über den großen Ozean. Sobald erschienen, HIER klicken.

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Samstag, 22. November 2014

REVIEW: Kool Savas – Märtyrer: Macht den Thron frei...?



78 Jahre. Über 28.000 Tage, mehr als 680.000 Stunden. Eine unfassbare Zeitspanne musste Deutschland seit Beendigung der Monarchie im Jahre 1918 darauf warten, wieder einen König zu stellen. Bis eben im Jahr 1996 ein gewisser Savas Yurderi, später besser bekannt als KKS alias King Kool Savas, erstmalig auf Platte seine Thronansprüche verabschiedete. Damals noch auf englisch und als kleines, namenloses Feature bei Cheeba Gardens „Alea Lacta Est“-Tape. 18 Jahre, 3 Alben, zahllose EPs, Features, Mixtapes und ein Urteil später finden sich mit Selfmade Records und einem gewissen Kollegah die ersten Rapper, die sich gegen die Krone auflehnen wollen. Mehr als erfolgreich, so gilt nach zwar erfolgreichen, doch fragwürdig aufgenommenen Ausflügen Savas als Mainstream-Opfer, der den Vertrag mit dem Chart-Teufel in Form einer Kollabo-Platte mit Xavier Naidoo unterschrieb. Was folgt, ist ein Rap-Jahr 2014, welches die King-Frage allgegenwärtig erscheinen lässt. Der scheinbar einzige Rapper Deutschlands, der kein Statement abgibt – Der Titelträger selbst. Der saß wie ein kleiner, glücklicher Junge in seiner Karre, quer durch Süd-, Nord- oder weiß-Gott-was-für-ein-Amerika düsend, weit entfernt jedenfalls vom Social-Media-Land, in dem die Revolution sich formte, gedieh und ausbrach in Form eines Fitness- und Kaufwahns, der mit Gold-Auszeichnungen am laufenden Bande ausgezeichnet war. Der König wäre jedoch nicht der König, würde er nicht darauf scheißen, was das Fußvolk sagt. Und so schreiben wir den 14.August 2014, als jeder, willige Aufstand spontan und aus dem Nichts mit nur einer Zeile zerschlagen wird.

„Als wär' ich nur der King dieser Mukke … Ich bin diese Mukke!“
(„Matrix“)

Lange Vorrede – Wir kommen zu Deutschraps neuem Märyrer, Kool Savas. Das „King“ strich er zwar schon vor Jahren aus dem Namen, doch in der Musik scheint es immer geblieben zu sein, mag man nicht nur der Message des jetzt erschienen, vierten Langspielers des Aachener Glauben schenken, sondern auch die Ohren selbst aufmachen. Denn Savas scheint eben doch der Allrounder schlechthin zu sein. Nach der intensiven Epos-Platte „Aura“, der kommerziell bestverkauften Essah-Platte „Gespaltene Persönlichkeit“ in der Pop-Gegend geht es mit Märtyrer zurück zu den Wurzeln. Statt einem hungrigen, jungen MC, der nach oben, gegen die damalige Elite des Deutschrap, schießt, geht es ihm nun darum zu untermauern, wie weit doch alle anderen mittlerweile unter ihm sind und es sich auf dieser Position gemütlich machen können. Was Märtyrer ist? Battlerap. Feinster Battlerap. Durch und durch. Also fast. Wäre da nicht die lästigen Stimmen von Tim Bendzko und Alex Prince, die die interessante Gabe besitzen, jeden Rap-Song zerstören zu können, sei alles, was um ihre Hooks gebastelt wird, noch so gut. „Ich schlag mir selbst in die Fresse, bevor ihr es tut/ Setz' mich über euch hinweg, Raps Viadukt“ ist nicht nur die erste Zeile des Intros, sondern gibt auch den Takt für das ganze Album vor – So intensiv und kraftvoll wie eh und je präsentiert sich Savas hier, bevor Bendzko eine leise Hook säuselt. „Sie können diese Mukke nicht zerstören, solang ich hier stehe“, sagt er und meint eigentlich „Solang Savas hier steht und ich seinen Hofnarr spiele“. Denn wenn einer alle „Zweifel“ an seinem Titel ausräumen und „Bestätigung“ für alle Zweifler schaffen kann, dann KKS selbst. So, wie er es zweifelsohne tut auf gleichnamigen Track. Mit runtergepitchter Stimme verkündet Laas Unltd., der King hätte seinen Style endgültig verloren – Bis dieser raptechnisch alles niederreißt und der Zweifler plötzlich zum größten Fan wird. „Heute so, morgen so“ - Simpler und besser wurde Deutschrap in diesem Jahr nie beschrieben.

„Rekordhalter Essah hat 'n' Traum wie Martin Luther King/
Leb' ihn aus, wenn die Partitur erklingt/“
(„Zweifel und Bestätigung“)


Technisch und musikalisch ist Essah wieder auf altem Höchstlevel angekommen. Man kann behaupten, was man möchte. Dass die Mukke zu weichgespült wäre. Man kann sagen, die Lines sind teilweise „krebserregend wie Shrimps“ und mindestens genauso einfallslos. Doch Kool Savas zaubert eine Energie auf Beats, wie es kein anderer in Deutschland kann. Selbst mit zwielichtigen Entscheidungen, wie beispielsweise zwischen 12 Tracks krassestem Battlerap plötzlich Mutti eine „Anekdote aus Istanbul“ erzählen zu lassen, kann man dies nicht bestreiten und nur staunen über die Klarheit und Deutlichkeit eines Rappers, der selbst in Doubletime noch verständlicher und präziser spittet als der Großteil der Kollegen. Das Soundbild ist damit auch perfekt abgestimmt auf den Battle-Charakter der gesamten Platte und perfektioniert das Song-Konzept eines Essahs 2014, der das Rad nicht neu erfindet, aber es genauso erfolgreich und vielleicht sogar besser weiterspinnt, als er es je konnte. Lediglich der Mixtape-Charakter durch die verschiedenen Produzenten ist eventuell ankreidbar, vor allem die Übergänge, die teils sehr abrupt ankommen.

„Du bist mit dem falschen Fuß aufgestanden wie Oscar Pistorius!“
(„Es ist wahr/ S A zu dem V“)


Was soll man abschließend noch sagen? Man merkt vielleicht, dass man nicht gerade kleinkariert an „Märtyrer“ gehen muss, um Fehler zu finden. Anekdoten mit Kinderhumor, Gesangs-Hooks, Kinderlieder als Intro verwenden – Es wäre legitim zu behaupten, das störe das Gesamtbild. Was man hierbei schnell übersieht ist allerdings, auf was für einem Level man das ankreidet. Kool Savas rappt in einer ganz anderen Liga, um wirklich schlechte Alben überhaupt produzieren zu können. So bleibt man vielleicht nicht im Gedanken zurück, das Album des Jahres gehört zu haben, aber dennoch mit der Erkenntnis, dass Könige auch 2014 nicht sehr leicht zu stürzen sind. „Macht den Thron frei, der King ist back...“

Wertung: 5 von 6 Sternen

Bester Track der Platte: Zweifel und Bestätigung  

Freitag, 12. September 2014

RAP-REVIEW: Ausgabe 6 - August 2014: Olson, Ahzumjot, Teesy


Rap ist, speziell in Deutschland, so facettenreich wie nie. Mehr als 10 neue Alben erwarten uns Monat für Monat - Und das nur über Labels, Free-Releases noch gar nicht gerechnet. Wer zu wenig Zeit oder Geld hat, sich jede LP zu kaufen, kann ab sofort auf mich vertrauen. Zumindest halbwegs. Ich gebe jeder Platte ihre gerechte Chance und eine Bewertung von 1 - 6 Sternen. Heute erwarten euch unter anderem die Platten von Olson, Ahzumjot und Teesy. 



Ahzumjot – Nix mehr egal (22.08.2014)

Ich weiß noch nicht ganz, was ich von „Nix mehr egal“ halten soll, als die ersten leisen Töne in E-Moll angestimmt werden. Ich habe Monty gehört und fand es weit weniger bewegend als all die Szenekritiker, die in dem jungen Alan Julian Asara-Taiwah den nächsten Großen des Geschäfts sahen. In erster Linie war da ein Kerl, der Bock hatte, Musik zu machen. Den Spaß hatte man genauso gemerkt wie die Unerfahrenheit und so blieb ich recht konsterniert zurück. Nach 4 Minuten „Wann bin ich dran“ weiß ich – Jetzt ist Ahzumjot wirklich nix mehr egal. Wie man Spaß an der Sache mit musikalischer Komplexität koppelt, zeigt das Album wie kein anderes dieses Jahr. Ahzumjot ist nämlich nicht nur „der coolste Motherfxcker“, sondern denkt zwischendurch eben auch über die Lage dieser Menschheit nach. Über eine Elterngeneration, die aus eigener Sicht ein „Schlaraffenland“ aufgebaut hat, welches ihre Kinder mit den Füßen treten. Eine Generation, deren Leben mehr an ein Popcorn-Teenmovie erinnert als an echte „Geschichte“. Eine Generation, die alles so akzeptiert und damit lebt, ohne es ändern zu wollen, weil der Drang nach Veränderung ja auch mit der Arbeit und dem Willen verbunden wäre. Nein, Ahzumjot hat sich keine leichte Aufgabe gesetzt, im Endeffekt das Grunddenken aller Menschen ändern zu wollen. Doch mit „Tag Eins“ ist doch schon mal ein Anfang gesetzt. Und wenn dieses Album nichts an der Einstellung eines Menschen ändern kann, kann das wohl keiner. Denn so leichtfüßig, wie Alan zwischen Gesellschaftskritik, popkulturellen Zitaten und seinem eigenen Lebensweg wechselt, lässt den Gedanken an das thematisch beste Album des Jahres nicht fern wirken. Vor allem beeindruckend – Wie man seine Biografie in „4 Minuten“ einpacken kann, ohne auch nur einen Hauch von Intensität zu verlieren und das musikalisch noch so perfekt zu verpacken. Pardon, wenn ich gezweifelt hab. Doch Ahzumjot ist einer der besten Newcomer, die dieses Land zu bieten hat. Und wenn ich mit dieser Behauptung doch ein wenig über das Ziel hinausschieße - „Sie fragen sich, was hinter dem Horizont wartet – Ich schick ihnen vielleicht mal ne Postkarte!“

Wertung: 5 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Geschichte


Olson – Ballonherz (29.08.2014)


Vom eigens inszenierten Hollywood zum besten Moment des Films, mitten in Paris spielend. Wie man Ende August merken durfte, klingt so der Beginn eines absolut perfekten Albums. Und das trotz aller negativen Vorzeichen. Der kleine Rudeboy aus dem Jahr 2008, der ganz plötzlich seinen Labeldeal beim Major unterschreibt und plötzlich Pop-Schnulzen trällert. Aber mit wie viel Talent, Begeisterung und Detailliebe man das machen kann – Das konnte man auch erst beim fünften Durchgang von „James Dean“ zu Beginn der Promophase erahnen. Ballonherz ist kein Album, welches man einmal hört und weiß, wie unfassbar gut das produziert wirkt. Ballonherz wird von Mal zu Mal stärker. Aus der eigentlich homogen wirkenden Masse von Pop-Balladen, welche die Beatgees für den ehemaligen Rudeboy komponiert haben, hört man vorerst nämlich nur Bekanntes heraus, was ungleich ein wenig jugendlicher in 1er Jordan-Verpackung ankommt anstatt in auf dem Bolzplatz ausgelatschten FILA-Schuhen. Beim zweiten Mal hört man plötzlich das zeternde Echo in der Hook von „Mein kleines Hollywood“ oder „James Dean“, die sanfte, unfassbar angenehme Frauenstimme im Background der „Fernweh I“ -Bridge und und und. Zu viele Kleinigkeiten, Raffinessen und Schnörkel, um sie aufzählen zu können. So ein Niveau hält man nicht bei seinem Major-Debüt über Albumlänge. Das schafft keiner. So klingt der Megafon-Klang auf gleichnamigen Track eher unangenehm als gedankenverloren und die letzten, wunderschön formulierten Zeilen über den Sinn des Titels „Ballonherz“ sind weit weniger monumental eingesetzt, als sie es verlangen. Doch, wenn es dieser Olson ohne Roughness schafft, das Niveau eines Tracks wie „Der Beste Moment“ oder „Niemand > Wir“ bald auch komplett durchzuhalten, wird das nächste Olson-Album nicht weniger als das „Anti-XOXO“ für eine neue Generation.

Wertung: 5 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Paris (Fernweh I)



Teesy – Glückrezepte (29.08.2014)


Es war der 20. September. Vor fast genau einem Jahr, als ein gewisser kanadischer Rapper verkündete, nichts mehr sei wie vorher. Nachträglich werden viele, namhafte Magazine diese Ansage Drakes mit Höchstwertungen und hohen Plätzen in ihren „Alben des Jahres“-Rankings belohnen. Zeitgleich in Deutschland: Ein gewisser Teesy, Newcomer und Chimperator-Signing, bezeichnet im Interview eben jenen Künstler als sein ganz großes Vorbild zur Veröffentlichung von „Fernweh“. Und fast genau ein Jahr nach diesem 20. September steht mit Glücksrezepte das Debütalbum des vielleicht ersten, wirklich guten RnB-HipHoppers Deutschlands in den Startlöchern. So melodisch, harmonisch und ruhig wie kein anderer präsentiert sich Teesy auf seinem ersten Chimp-Langspieler. Das Gefühl dafür, wann es cheesy genug ist, hat der Rapper hierbei aber wohl noch nicht gelernt. So ist ein Track wie „Märchen“ leider viel zu überladen und kitschig, als das es noch wirklich angenehm im Ohr nachklingen könnte. Auch kleine Zwischeneinlagen mit seinen Kollegen, um seine Besessenheit von der Musik nochmal hörbar zu unterstreichen, machen es nicht unbedingt besser. Und dennoch: In Teesy schlummert das größte Talent, dass Rap-Deutschland vielleicht besitzt. Ein Track wie Generation Maybe, in der die Generation kritisiert wird, die nicht einmal mehr in den Tag reinlebt, sondern von Minute zu Minute plant, sprüht nur so vor Coolness und Durchdachtheit. Mit clever gesetztem Echo in der Hook und gelungenem Megaloh-Feature zeigt der Track das ganze Potenzial eines Künstlers, der sich noch nicht so recht gefunden zu haben scheint und dem man nur raten kann, für seine nächste Platte einen roten Faden verfolgen sollte. Dann wird das auch was mit dem deutschen Drake.

Wertung: 3,5 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Generation Maybe feat. Megaloh




Keine zweite Zeile wert


Alpa Gun – Geboren um zu sterben

BK & Pedaz – 100% Macher

Massiv – #M10

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Dienstag, 9. September 2014

Review: Fler – Neue Deutsche Welle 2: Die schlimmsten Zeilen

… Also eigentlich sollte das hier eine ganz normale Review zu Flers „Neue Deutsche Welle 2“, kurz NDW2, werden. Dann habe ich das Album gehört und nein, Frank White ist definitiv nicht mehr der Selbe wie damals, zu den guten alten CCN-Zeiten. Ob er das ernst meint oder nicht, lasse ich mal außen vor – Fakt ist, dieses Album ist nicht zu bewerten. Stattdessen habe ich mir die größten, lyrischen Meisterwerke herausgesucht, die so ein stabiler Deutscher auf Albumlänge kickt. Ich präsentiere – Die schlimmsten Zeilen von „NDW 2“.



„Check den Wetterbericht/
Der ist noch besser wie ich“
(„Im Auge des Sturms“)

„Ich bin dein Schutz Engel, ich nehm dich in Schutz, Engel/
Dank mir musst du dich nie wieder durch den Bus drängeln/"
(„Schutzengel“)

„Bei mir läuft, Junge..“ (circa 16-malige Wiederholung in der Hook.)
(„Businessman“)

„Komm, wir treffen uns MMA im Käfig/
mit dir kämpf ich aber nicht/“
(„Level“)

„Easy flizzy, busy busy, es geht BRR BRR BOOM!“

„Gehts um Connections, bin ich die deutsche Telekom“

„Wir haben hier den Fitnesstrend etabliert"
(„Gangster Rap 2.0“)

„Schau mich an, weiß, brutal und sexy/
Alleine auf der Straße, der deutsche Marshall Mathers/“

„Bei mir gibt’s kein Schaufensterbummel/
der weiße Tiger hier im Ausländerdschungel/“

„Ich weiß noch, damals musst ich klauen gehen bei Penny/
Heute habe ich eine Nanny/“
(„Kugelsicherer Jugendlicher“)

"Ich bin ein breiter Player wie Ronaldo/ [Anm. d. Red.: Ein Portugiese.]
Trage meine Sonnenbrille jeden Tag wie Heino/
Temperament wie ein Südländer/“
(„Stabiler DEUTSCHER“) [Anm. d. Red.: Versteht sich von selbst, oder?]

„Ghetto-Fleezy, Maskulizzy“
(„Weißer Tupac“)


Weitere Highlights: Der gesamte Track „Ihr habt uns so gemacht“ mit Silla, der komplett nach einem Softporno klingt und Sentence mit Autotune-Hook auf „Drogen, Nutten und Cash“. Falls ich das ein oder andere lyrische Highlight vergessen habe, die Liste ist via Facebook locker erweiterbar.

NDW 2 bei amazon: http://goo.gl/fKrFA2
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Sonntag, 3. August 2014

Rap-Review - Ausgabe 5 - Juli 2014: Kontra K, Sorgenkind, 4tune, Umse, Shawn The Savage Kid

Rap ist, speziell in Deutschland, so facettenreich wie nie. Mehr als 10 neue Alben erwarten uns Monat für Monat - Und das nur über Labels, Free-Releases noch gar nicht gerechnet. Wer zu wenig Zeit oder Geld hat, sich jede LP zu kaufen, kann ab sofort auf mich vertrauen. Zumindest halbwegs. Ich gebe jeder Platte ihre gerechte Chance und eine Bewertung von 1 - 6 Sternen. Heute erwarten euch unter anderem die Platten von 4tune, Sorgenkind, Kontra K, Umse und Shawn The Savage Kid. 



4tune - Einer muss es ja tune (04.07.2014)


Einatmen, ausatmen, ruhig bleiben. Der Puls steigt langsam an. Jedes Haar am Körper spannt sich. Die sind da wegen ihm. Die Masse tobt längst vor der Bühne. Die letzten Töne verstummen und du weißt, es ist die Zeit. Raus da. Eine Stunde. Vielleicht zwei. Sie lieben ihn, das wird doch kein Problem sein. Und alle Zuschauer feiern ihn doch. Seit er die Mütze aufhat, darf er auf die Bühne, der kleine 4tune. Ohne sieht das vielleicht wieder ganz anders aus. So selbstreflektiert zeigt sich das Reimebude-Mitglied in seinem Intro „Dreams“. So stimmungsvoll kann man doch einen Albumauftakt gestalten. Richtig gut! Nur was danach kommt, erinnert einen dann doch eher an das YouTube-Video eines Stagedivers, der von niemanden hochgehalten wird und mit voller Wucht auf dem Asphalt landet. Warum passiert sowas? Richtig, weil einer muss es ja tune. Aiaiai. Mario, will ich sagen, du hättest es doch ahnen können. Ahnen, dass das nichts wird. Die Fantas wollen dein Album nicht, die JBB „Jury“ schmeißt dich gegen Amateure beinah raus, die „Bald ist sie weg Edition“ gibt’s immer noch bei amazon zu kaufen – Warum hast du das alles nicht gesehen. Es hätte uns allen einiges erspart. Der Hamburger Magier versucht sich an der Mischung von bitterer Ehrlichkeit um seine Person und infantilem Battlerap-Humor auf Albumlänge, und wie soll man sagen – Pseudodeep trifft Kindergarten. Wenn mir jemand ernsthaft etwas über die Kredibilität des Künstlers hinter Mütze und Sonnenbrille und Gesellschaftskritik anbringen möchte, zwei Tracks später dann aber meint er hätte „den größten Dick, und das ist wie deine Mutter – schön für mich“, den kann ich doch nicht ernst nehmen. Nun gut, da bröckeln die ernsthaften Nummern eben weg. Der Kindergarten-Humor wird auf Albumlänge so langatmig wie ein „DVD Abend“ mit der X-Beliebigen Frau, die unbedingt ALLE Twilight-Filme gucken will und am Ende einschläft. Einigermaßen gelungene Intros, ein guter Jason-Part und durchgehend solide Technik retten vor der Totalkatastrophe, lassen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass 4tune zwischen den letzten 3 Battle-Turnieren vergessen hat, sich endlich Talent als Songwriter herzuzaubern. So wird es dann wohl stehen bleiben, bis zum nächsten Auftritt und vor allem – bis zum nächsten lustigen YouTube-Video, Mario. Einer muss es tune. „Denn deine Runde klingt wie n mieses Album-Snippet!“ (Persteasy, schon 2013.)

Wertung: 1,5 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Dreams

Kontra K - Wölfe (04.07.2014)


Königsdebatten im Deutschrap an der Tagesordnung. Die Hofnarren krönen sich mittlerweile schon zum Kaiser – Zeit, dass jemand durchgreift. Jemand, der das auch kann. Ein echter Alphawolf, ohne sinnlose Titelansprüche. Ob Kontra K genau dieser ist, steht nun zur Debatte. Die Wölfe EP schaut aber nicht nur auf die starken Alphamännchen, sondern auch auf diejenigen welche, die zum Glück zurück gelassen wurden. Wer „Ratten“ hört, weiß, für welche Werte Kontra einsteht – Ehrlichkeit, Standhaftigkeit, Stolz, Loyalität. Kein Platz für die schwachen Tiere. Sein Rap steht stellvertretend für die Einflüsse, welche sein Leben prägen. So wirkt es fast schon befremdlich, wenn Pipi Langstrumpf plötzlich das „Adrenalin“-Intro trällert. Und trotz solcher, kleinerer Ausfälle trumpft Kontra K mit einem bombastischen Soundbild auf, was zum „nebenbei genießen“ geradezu einlädt. Schon beinahe melodisch wirkt es dann, wenn der Alphawolf druckvollen Rap mit einer Gesangsstimme verbindet und auf „Erde und Knochen“ zu den Ursinnen eines Wolfs zurückfindet. Aber auch genauso unpassend leider, während doch „Wo sie scheitern“ wiederum einen unglaublich intensiv geführten Rapstil aufgreift. Die Ode an die Standhaftigkeit, gegen das Aufgeben, schließt eine EP ab, die mehr von Kontra K inne hat, als wenn er monoton seine Lebensgeschichte runterleiern würde. Keine privaten Stories und trotzdem Transportieren von Werten, Eindrücken und Gefühlen – Das können nur wenige. Ganz wenige Alphawölfe eben.

Wertung: 4 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Wo Sie Scheitern

Sorgenkind - Sommerloch EP (18.07.2014)


Von A nach X und, wie es aussieht, zurück – Sorgenkind ist wieder da. Nicht ohne einen kurzen Zwischenstopp in die Pop- und Rockwelt mit „Quarterback 40“ gemacht zu haben, füllt Nug mit seiner neuen EP nun höchstpersönlich das Sommerloch. Und wie schön das klingt erst. Viel geändert an Stil hat er nämlich nicht. Genauso verträumt, genauso bitter und ironisch, wenn es der Moment verlangt, und vor allem genauso gut ist Sorgenkind weiterhin. Ob er nun die „schöne Barfrau“ mit dem bestimmt baldigen Durchbruch und dem fast schon fertig geplanten Leben beeindrucken will oder als Heimwerker mit 2 linken Daumen an der Beziehung herumwerkelt („Umsonst“), irgendwie wirkt alles so gewohnt sympathisch formuliert. Vor allem Dingen – so gewohnt und grundehrlich. Nach dem Eröffnungstrack war das nicht abzusehen, als „Sorgenkind is back“ darauf schließen lies, dass Nicos größtes Problem nicht die unbezahlten Rechnungen sind, sondern das Zepter, welches immer noch niemand abgespült hat. Der Stilbruch kommt unerwarteter und unschöner als erhofft, täuscht aber nicht über die Qualität der 5 folgenden Tracks hinweg. Vor allem Dingen die Sinn- und Existenzsuche in der stillen Hoffnung, den Ort zu finden, an dem sich die Welt nicht dreht, weiß durch seine Stimmigkeit zu überzeugen („Ich bleib“). Nug ist außerdem der einzige Rapper der Welt, bei dem sogar die „Outtakes“ interessant klingen. Nach 6 Tracks wirkt der Hörer um eine Info reicher – Sorgenkind ist weder der beste Rapper, noch der allerbeste Sänger. Und umso unperfekter die EP klingt, umso runder ist das Gesamtpaket am Ende. Klingt paradox? Im Sommerloch ist ja sowieso nicht alles richtig.

Wertung: 4,5 von 6 Sternen
Bester Song der Platte: Schöne Barfrau

Umse - Kunst für sich (25.07.2014)


„Die Lächeln am Morgen sind weniger geworden“ – Ganz treffend, was Umse da sagt. Nur – Wie kann man das ändern, ohne es mit einem Augenzwinkern zu meinen? Wer es ehrlich ausdrückt, macht einen deepen Track, der vor Fremdscham nur so sprühen könnte. Wer es lustig oder lockerleicht verpackt, bringt vielleicht die Message nicht rüber. Umse wählt Weg 2 und vielleicht ist diese Sicherheit das, was mich stört an „Kunst für sich“. Doch – Wirklich mehr gibt es da eben auch nicht zu kritisieren. Das wirkt schon mehr als rund, was der gebürtige Ratinger da macht. Wenn sich dann Megaloh („In Aufruhr“) und Flo Mega („Dieses Jahr“) dazugesellen, dann merkt man, wie viel Feingefühl er in der Wahl seiner Features hat. Doch vor allem ehemaliger VBT-Jüngling Pimf kann überzeugen. Wie down geblieben er trotz der plötzlichen Berühmtheit ist, stellt der Rapper auf „Steck meine Zeit in Rap“ noch einmal, gemeinsam mit Abroo, klar. Gemeinsam mit Umse ein stimmiges Trio, das durch einen chilligen Oldschool-Flavour, der einfach trotz monotoner Betonung unverwechselbar klingt, überzeugen kann. Zwischen den Liebesbekundungen für unser aller Lieblingsmucke, abgedroschenen Phrasen, die stilecht ironisiert werden (Du und meine Mukke könntet Freunde sein!) blitzt aber immer noch die Seite von Umse durch, von der ich gern mehr hören würde. Die, die eben auch tiefer hinter die Fassade blickt so wie teils auf „Erdbeben“. Falls das nicht passiert, kann Umse gern auch dort bleiben – Vor allem Dingen seinem Stil treu, wenn es um Instrumentale geht. Denn kein Rapper Deutschlands hat so schöne Jazz- und Soul-Samples zum Berappen.

Bewertung der Platte: 3,5 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: In Aufruhr feat. Megaloh

Shawn The Savage Kid - Egoprobleme (01.08.2014)


Wie man in der letzten EP „Kennen wir uns?“ erfahren durfte, hat Shawn so ein paar Probleme mit Gedächtnislücken. Das mit der Schizophrenie klären wir aber erst ab dem 1.8., wenn Egoprobleme erscheint. Da erfahren wir nämlich, dass es bedeutend mehr Shawns gibt, als bisher angenommen. Wenn er nicht gerade als weltbekannter A-Promi durch Hollywood düst oder als Schlagerstar die Bars und Clubs in Mallorca abarbeitet, es verbergen sich immer mehr Egos im Künstler. Keine Sorge, die sind aber eigentlich fast alle irgendwo auch sympathisch. Probleme könnte es nur mit dem schwererziehbaren „Hollywood Hank“-Fan geben, der stets sympathisch die Ellenbogen ausfährt beim Bahnausstieg. Immer locker und seicht bewegt sich der Regensburger durch die verrücktesten Szenarien seines eigenen Kopfs und präsentiert uns den Storyteller, den er uns schon auf seinem Erstlingswerk näher brachte. Nie ganz authentisch, aber immer sympathisch erzählt er auch über seinen eigenen Dolly, der für ihn die ungeliebten Arbeiten erledigen kann. Speziell thematisch weiß das Showdown-Records-Signing durch eine Vielschichtigkeit zu überzeugen, die kaum ein Newcomer so hat. Musikalisch holt er sich Unterstützung der Wienerin Soia, die perfekt ins Gesamtbild hineinpasst. Wer sich in die Texte von Shawn The Savage Kid hineinversetzen will, wird mit „Egoprobleme“ genauso viel Spaß haben wie jemand, der Rap einfach nur nebenbei genießt.

Wertung: 4 von 6 Sternen
Bester Track der Platte: Ellenbogen



Keine 2. Zeile wert 


Baba Saad - Das Leben ist Saadcore 

Dexter - Palmen & Freunde 



In stiller Selbstkritik. 


Auch diese Ausgabe ist wieder kurz vor knapp entstanden. Und das ist noch recht freundlich ausgedrückt, eigentlich meine ich damit, dass "kurzfristig" das gar nicht mehr beschreiben kann, in was für einem Wahn die Planung entstanden ist. Um die Qualität der Reviews zu sichern, verzichte ich auf alle anderen Kategorien und gelobe für den August Besserung. Große Vorfreude auf Teesy, Olson und Ahzumjot. Wird eine schöne nächste Ausgabe. Cheers! 


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Freitag, 6. Juni 2014

Review: CRO - MELODIE

Von Party-Panda zum HipHop-Gorilla: CRO mit "Melodie"

Wenn Cro zum zweiten Album ruft, steht nicht nur ganz HipHop-Deutschland Schlange, um die zweite Platte „Melodie“ hören zu dürfen, sondern auch alle anderen. Mit „Traum“ war die erste Nummer 1 ja bereits gesichert. Wie viele Singles davon noch auf der Platte sind, stellen wir heute fest.

Die Melodie von Cros Leben dürfte recht simpel zu spielen sein: Eigentlich ein waschechter Rapper, Wurzeln in der RBA, auf jedem Track mindestens eine Anspielung auf uralte HipHop-Tracks, von denen er sich nicht nur einmal inspirieren hat lassen. Wenn man dann bedenkt, wie wenig sich das eigene Lager auf den zweiten Soloplayer von Deutschraops Panda gefreut hat, muss man sich fast schon verstoßen fühlen als Carlo Waibel. Kein Wunder jedoch, wenn man es einfach wagt, statt 90bpm Boom-Bap-Beats zu picken, einfach mal Songs schreibt. Wenn Cro zu „Melodie“ aufruft, stehen Millionen kleiner Sunnies wieder vor den Bühnen Deutschlands. Und ab sofort hoffentlich auch die Leute, die nicht so hängengeblieben sind, um zu kapieren, dass man 2014 auch den Mann hinter der Pandamaske nicht mehr haten braucht, weil er Deutschrap auf eine ganz andere Ebene verfrachtet hat.

Und guckt mal an, er kann es noch. Wenn Kollege DaJuan der Gang beitritt, dann haben wir schon auf dem zweiten Track ein kleines HipHop-Spektakel. Sowieso – DaJuan ist mittlerweile ambitioniertester Ziehsohn der Chimps, der neue Cro zu werden – Da scheint ein Feature ganz schön passend. Bei dem Gastpart bleibt es dann auch auf 14 Tracks, denn ein Cro macht seine Hooks immer noch selbst. Wie gut er das kann, beweist er auf „Traum“, genauso wie auf „Jetzt“, der Track, der in meinen Augen jetzt schon Platz 1 der Single-Charts sicher hat. Wenn er dann auch mal den Mann hinter der Maske heraushängen lässt und uns zeigt, was für ein Mensch Carlo Waibel „2006“ mal war, wird die Platte mitunter grandios. Ein Ohrwurm auf 14 Tracks, der mehr HipHop in sich hat, als man beim Raopper hätte vermuten können.

"Könnt ich durch die Zeit fahren, in einem schnellen Auto/
Würd' ich alles nochmal tun, und zwar genauso/
Schieb' mich zurück, in die Zeit, wo mich niemand kennt/
Und ich würd' alles dafür tun, dass du mich wieder erkennst/"
(2006)

Nur – So ganz HipHop ist halt Cro am Ende des Tages doch noch nicht. Sonst hätte man ihm gesagt, dass man absolut alle Vergleiche auf „Cop Love“ in den letzten 5 Jahren schon mehrere Male gehört hat – Allen voran „Ich bin so unfassbar wie Gas“, ein Spruch, den ich sogar schon Lakmann One übel nehmen musste letzten Dezember zu „It was witten“. Wenn mir Cro dann über seine Sexfantasien mit dem perfekten, aber bösen Chick erzählt, dann wird es musikalisch nicht nur richtig nervig, sondern auch ein Rückschritt zu „Raop“. Zu unrund wirkt die Bridge, zu eingesetzt die Hook, zu übertrieben für einen smoothen Cro im Gesamten. Wenn sich das natürlich dann noch paart mit einem unfassbar nervigen Frauenchor, dann haben wir „Rennen“ - Und damit eigentlich auch schon den letzten, schlechten Track von „Melodie.“

14 Tracks später geht es mir weder besser, noch schlechter. Ich nehme nichts mit von „Melodie“, außer der Erkenntnis, dass Cro seine Frauenprobleme noch nicht in den Griff gekriegt hat. Aber das ist auch das Letzte, was man von diesem Release erwarten konnte. „Melodie“ macht Spaß, und das auf der gesamten Lauflänge. Weder tiefgreifende Lyrics, noch hohe Raptechnik, die einen rein durch die ganze Silbenzählerei in den Bann zieht. Also nichts, was ein Cro braucht. Dennoch ist er auch 2014 noch Status Quo, wenn es um Ohrwürmer geht. Denn wenn Carlo Waibel eines kann – Dann das. Und zwar verdammt gut.

Bester Track der Platte: Jetzt
Bewertung: 4,5 von 6 Sternen




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